Zwei Schriftsteller, zwei Erzählbände!

… und warum ich beide sowie die literarische Textform “Erzählung” sehr schätze!

Zwei Erzählbände von Schlink und Wells: Foto: Michael Schnell

Zu den Autoren:

Bernhard Schlink, geboren 1944, war Professor für Öffentliches Recht und von 1988 bis 2006 Richter am Verfassungsgerichtshof in NRW. In letztgenannter Zeit begann er, belletristische Werke zu schreiben. (Meine Romantipps: „Die Enkelin“ und „Der Vorleser“.)

Benedict Wells, 40 Jahre jünger, begann gleich nach dem Abitur, bewusst ein Studium ablehnend, mit der „Schreiberei“ – einige Jahre erfolglos, bis der Schweizer Verlag Diogenes schließlich sein Talent entdeckte . (Mein Romantipp: „Hard Land“.)

Ein paar Worte vorweg

  1. Aus beiden Erzählbänden habe ich erst einige Geschichten gelesen, die aber für erste Gedanken ausreichen mögen.
  2. Ich bin kein Literaturwissenschaftler, sondern lediglich ein Liebhaber (hoffentlich) guter Literatur.

Über die Erzählungen von Bernhard Schlink und Benedict Wells

In Schlinks Werken geht es oftmals um Recht und Gerechtigkeit, um Schuld und Gewissen. So auch in den Erzählungen: In „Künstliche Intelligenz“ z. B. hat der Protagonist und Ich-Erzähler vor langer Zeit seinen besten, mittlerweile verstorbenen Freund an die DDR-Staatssicherheit verraten, ohne dass dieser davon etwas wusste. Nun versucht Erstgenannter damit umzugehen, dass die Tochter des Freundes die Stasi-Unterlagen einsehen möchte.

Schlinks Sprache ist meist recht unprätentiös und nüchtern. Zwischen den Zeilen findet sich hingegen durchaus auch Emotionales – allerdings eher aus dem „Mitdenken“ des Lesenden heraus. Wie überhaupt zumeist eine Menge offenbleibt, auch die Enden einiger seiner Geschichten.

Benedict Wells Erzählungen hingegen sind deutlich emotionaler – in der Wortwahl ebenso wie in den Beschreibungen einzelner Situationen. Sie sind dadurch eindeutiger, bieten den Leserinnen und Lesern trotzdem wortwörtlich Anhaltspunkte, einzelne Szenen weiter durchzudenken: Die erste Geschichte, „Die Wanderung“, erzählt beispielsweise von einem erfolgreichen Geschäftsmann, der über seine Karriere seine Familie vergisst, alles nachholen möchte, dann aber feststellt, dass es dafür bereits zu spät ist. Das alles spielt sich während einer Wanderung der Hauptfigur ab, mit einer hier und da angekündigten, aber raschen Wendung der Geschichte.

Die Geschichten Benedict Wells haben ein Ende. Das Ende ist aber nicht unbedingt eindeutig. Auch hier muss der Lesende selbst seine Gedanken miteinbringen. Trotzdem wirken sie abgeschlossener als die Erzählungen von Bernhard Schlink. Dessen Geschichten könnten, so finde ich, auch Kurzfassungen eines noch zu schreibenden Romans sein. Wells Erzählungen hingegen finden mit ihrem Schluss auch ein Ende, wenngleich auch sie nicht ganz auserzählt sind und dies auch nicht sein wollen. Denn genau das macht das Genre „Erzählung“ m. E. interessant!

Wie gesagt, diese Ausführungen beziehen sich auf wenige Geschichten der zwei Bücher – und ich bin gespannt, ob sich beim weiteren Lesen auch weitere Gesichtspunkte zeigen. Ich hoffe schon!

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