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vonMichael Schnell/Oktober 15, 2026/inSchreibtipps

Ein paar Gedanken zum Literaturgenre „historischer Roman“

Zwei Bücher: Von Hugo Aust Der historische Roman und von Hans-Jürgen Goertz Geschichte. Ein Grundkurs

Zwei Bücher: Von Hugo Aust „Der historische Roman“ und von Hans-Jürgen Goertz „Geschichte. Ein Grundkurs“

„Wer Geschichten erzählt, gibt eine andere Tatsachendarstellung als derjenige, der sie beschreibt oder analysiert.“ (Hugo Aust: Der historische Roman. Stuttgart/Weimar 1994, S. 11)

Der historische Roman ist eine verzwickte Sache. Die Autorin oder der Autor möchte eine mehr oder weniger fiktive Geschichte erzählen, die in einer früheren Zeit spielt – und überlegt: Was möchte ich schreiben? Eine möglichst spannende, fesselnde Geschichte? Oder steht die Beschreibung des Damaligen im Vordergrund – mit der Absicht, durch fiktive Elemente dem historisch Interessierten die Beschäftigung mit der Vergangenheit zu erleichtern? Oder habe ich gar den Anspruch, dem zurückliegenden Geschehen durch fiktive Elemente näher zu kommen, als es ein wissenschaftliches Sachbuch je könnte?

„So geht es um Wahrheit, insofern sich die Poesie als Welt des Möglichen, Eigentlichen und »Philosophischen« (Aristoteles: Poetik, Kap. 9) einerseits den engen Grenzen des Wirklichen und Tatsächlichen unterwirft, andererseits auf dem Recht zur »Redefreiheit« beharrt und in dieser Spannung sogar höhere Wahrheitswerte zu erwirken sucht.“ (Hugo Aust: Der historische Roman. Stuttgart/Weimar 1994, S. 1)

Auch die potentielle Zielgruppe der Leser*innen wird dafür herangezogen: Was wollen diese eigentlich? Die Zeit des Mittalalters besser verstehen oder mit Freude eine packende Geschichte lesen – oder beides?

Das Wort „Geschichte“

Apropos Geschichte: Die deutsche Sprache verbindet zwei sowohl differierende als auch zusammenhängende Bedeutungen: Es gibt die Geschichte als Geschehen, als etwas zeitlich Zurückliegendes, und es gibt die Geschichte als Erzählung, als ein Narrativ, das etwas Fiktionales oder etwas „tatsächlich“ Geschehen(d)es schildert. Oder anders: Auch mit einer Geschichte (englisch „story“) kann ich die Geschichte (englisch „history“) näherbringen.

„Der Begriff »Geschichte« ist durch seine Ambivalenz von »Geschehenem« und »Geschichte der geschehenen Taten« (Hegel: Die Vernunft in der Geschichte, 1822 ff./1944, S.144 f.) gekennzeichnet; so fallen im (deutschen) Wort die Sache, um die es geht, und ihre Verarbeitung zusammen und legen den Grund für einen andauernden Verwechslungskonflikt.“ (Hugo Aust: Der historische Roman. Stuttgart/Weimar 1994, S. 5)

… und die historische Forschung?

Auch das Entdecken und Erforschen der Vergangenheit ist keine eindeutige Angelegenheit: Die vorliegenden Quellen – schriftliche Zeugnisse, Bilder, Bauten etc. – werden interpretiert, die Gedanken der Erzeuger*innen erforscht, verglichen, zusammengefasst. Der Forscher oder Wissenschaftler erarbeitet sich bestenfalls ein theoretisches Arbeitsgerüst, um sie zu deuten, um ihnen ein Stück näherzukommen.

Es „drängte sich (…) die Erkenntnis auf, dass die sprachliche Darstellung einer vergangenen – also geschichtlichen – Wirklichkeit niemals identisch sein kann mit dieser Wirklichkeit selbst.“ (Wolfgang Hardtwig: Formen der Geschichtsschreibung: Varianten des historischen Erzählens. In. Hans-Jürgen Görtz: Geschichte. Ein Grundkurs. 3. Revidierte und erweiterte Auflage. Hamburg 2007)

Wer einen historischen Roman mit dem Anspruch schreibt, Vergangenes möglichst so zu schildern, wie es nach den zur Verfügung stehenden Quellen „wohl“ war, der sollte Folgendes bedenken: Er tut dies immer mit dem Wissen, wie es nach der historischen Episode weitergegangen ist. Das ist ein Unterschied zu einer Liveübertragung eines großen Ereignisses – welches allerdings komplett anders ausgehen kann, als im Moment zuvor angedacht worden ist.

„Ohnehin lässt sich ja nur das erzählen, was man von seinem Ergebnis und also von seiner Zukunft her kennt.“ (Hugo Aust: Der historische Roman. Stuttgart/Weimar 1994, S. 26)

Autorinnen und Autoren

Auf Instagram, Facebook und Co. entdecke ich Personen, die einen historischen Roman schreiben und dafür z. T. recht große Anstrengungen unternehmen: Sie lesen teils populärwissenschaftliche Literatur, teils wissenschaftliche Abhandlungen, stöbern in Archiven, reden mit Historikern oder Zeitzeugen, tauchen in Landschaften und Städte ein, in denen die Handlung ihres Romans spielen soll. Und ich habe auch davon gelesen, dass Autorinnen und Autoren eines historischen Romans, in dem einige historische Einordnungen nicht stimmen, auch ordentlich Kritik einstecken müssen.

Aber der historische Roman hat auch einen entscheidenden Vorteil: Er kann historischen Gegebenheiten Emotionen verleihen. Er kann eine bestimmte Zeit oder Epoche auch über die Figuren mit ihren Gefühlen näherbringen, die Vergangenheit „lebendiger“ und nachvollziehbarer machen. Das ist ein Balanceakt, denn auch hier kann es passieren, dass das Verhältnis zwischen Historie und Fiktionalem irgendwie nicht stimmig ist.

Kurz: Das Schreiben eines historischen Romans ist eine ebenso große Herausforderung wie faszinierende Angelegenheit.

„Das Geschichten-Erzählen scheint ein Grundbedürfnis des Menschen zu sein.“ (Uta M. Quasthoff: Zuhöreraktivitäten beim konversationellen Erzählen. In: Dialogforschung. Hrsg. v. Peter Schröder, Hugo Steger. Düsseldorf 1981, S. 287)

Planen Sie, einen historischen Roman zu schreiben? Oder sind Sie schon mittendrin?

Ich schaue gern auf Ihr Manuskript:

  • als Lektor mit dem Augenmerk auf Rechtschreibung, Stil und Struktur, auf die Figuren, auf die Dialoge und die Spannungsmomente,
  • als Historiker auf den geschichtlichen Hintergrund: Stimmen die Fakten, die Wortwahl, die Stimmung?

Sollten Sie einen Roman planen, kann ich auch gern bei der Literatur- und Quellenrecherche helfen!

Mein Schwerpunkt liegt auf dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit, also ungefähr auf dem Zeitraum vom 14. bis 18. Jahrhundert. Andererseits weiß ich als Historiker gut, wie auch andere Zeitbereiche zu erarbeiten sind – der wissenschaftlich-historische Blick kann auch dabei eine Hilfe sein.

Verwendete Literatur

Hugo Aust: Der historische Roman. (Sammlung Metzler; Bd. 278) Stuttgart/Weimar 1994

Wolfgang Hardtwig: Formen der Geschichtsschreibung: Varianten des historischen Erzählens. In: Hans-Jürgen Goertz (Hg.): Geschichte. Ein Grundkurs. 3. revidierte und aktualisierte Auflage. Hamburg 2007

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